Mittelmeer 2003 - ein Traum wird wahr!

Zeitraum: 3 Wochen (22.08. - 14.09.2003)
Strecke: Bormes Les Mimosas (Côte d´Azur) - Mallorca - Menorca - Barcelona - Bormes Les Mimosas
Schiff: SIMI, Bavaria 44, Baujahr 2003, 4 Kabinen, Doppelsteueranlage

Google Earth: Einfach die kmz-Datei downloaden und in Google Earth öffnen. Viel Spaß!

 

Vorgeschichte:

Mein letzter Chartertörn (1998) war eine Katastrophe. Ich hatte mich, allen Warnungen zum Trotze für eine gemischte Crew entschieden und da ich nicht hören wollte, musste ich eben fühlen. Das soll nun nicht heißen, dass ich generell gegen eine gemischte Crew bin. Das kann richtig toll sein, wenn sich alle einig sind. Aber ich hatte eben richtiges Pech, denn zwei der vier Mädels auf unserem Schiff wären auf einer Pauschalreise à la AIDA besser aufgehoben gewesen.

Mit großen Augen musste ich schon zu Anfang feststellen, dass manch Beauty Case die Größe eines Seesackes hatte und als dann noch ein gasbetriebener Lockenstab ausgepackt wurde, dachte ich nur noch: "Au Weia!". Der Rest ist Geschichte, weil schon viele Jahre her und heute sorgen die ärgerlichen Ereignisse dieses Törns nur noch für fröhliche Stunden in der Pantry.

Nachdem ich in den Jahren danach immer wieder von Bundesbrüdern angesprochen wurde – "Markus, wann fährst Du denn endlich wieder los?" –, war anläßlich unseres Präsidialjahres 2003 der richtige Zeitpunkt gekommen. Mit Bbr. Nerijus Bielskis stand mir ein kompetenter Co-Skipper zur Seite und da ich diesmal keine Lockenstäbe an Bord wollte, war die Mannschaft schnell gefunden.

Zur Crew 2003 gehörten schließlich die BbrBbr. Markus Berwanger (Skipper), Nerijus Bielskis (Co-Skipper), Rudi Banasch (Mechaniker), Tom Voigt (BonVivant), Veit Stößlein (Unterhaltungschef), Gerd (Niveauhalter) sowie Jonas Bauer (Speed-Fan), ein Kumpel von mir.

 

Es geht los:

Nach einer 24-stündigen Anreise mittels Bahn und Shuttlebus, übernahmen wir unsere Simi. Für ein gerade mal 4 Monate altes Schiff, war sie natürlich in einem Top-Zustand. Wir waren die zweite Crew auf dem Schiff. Nachdem alle Klamotten und Vorräte verstaut waren, hielt es uns nicht länger im Hafen.

Mit einigen Kreuzschlägen unter Segeln und Manövern unter Maschine machten wir uns mit dem Schiff vertraut, tauchten zur Sicherheit noch unter das Schiff und ankerten gegen Abend in einer Bucht bei der vorgelagerten Ile de Porquerolles.

Nach einer feuchtfröhlichen Nacht gönnten wir uns morgens ein anständiges Frühstück und einen erfrischenden Sprung ins Wasser. Dann gingen wir Anker auf und setzten Kurs Richtung Mallorca. Solch eine Überfahrt von ca. 230 sm ist für mich immer wieder etwas Besonderes.

Man fährt los, das Land verschwindet am Horizont und wenn man am nächsten Morgen die Wache übernimmt, ist man mitten im Golf de Lion, nichts als Wasser wohin man blickt und eine Wassertiefe von 2500 m. Da spürt man das Gefühl der Freiheit fast schon körperlich und wenn dann noch Delfine um den Bug schwimmen, werden ganz schnell die Augen feucht.

 

 

 

Mallorca:

Als ersten Hafen liefen wir Andraitx an, um nach 48 Stunden auf dem Wasser speziell unsere Vorräte an Bier und Mischgetränken aufzufüllen. Aber auch die Rauchwaren wurden großzügig gebunkert, denn einen Kippen-Notstand wie auf den letzten Seemeilen wollten wir nicht wieder erleben. Das ist nicht gut für die Stimmung, wenn sich 5 Leute die letzte Zigarette teilen müssen.

Für die Nacht ankerten wir in der Bucht Las Illetas, wobei eine unangenehme Strömung das Schiff derart ins Schaukeln brachte, dass an Schlaf nicht zu denken war. Wie meinte Gerd völlig gerädert am nächsten Morgen: "Markus, gibt es eigentlich eine Bucht, in der man noch unruhiger liegt? Da will ich sofort hin!"

Ich hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden, und so machten wir gegen Mittag im Hafen von Palma fest. Ein teurer Hafen, aber excellent ausgestattet. Vor allem die Duschen wurden ausgiebig genutzt. Schließlich galt es nach 3 Tagen etliche Lagen Salz von der Haut zu schrubben und es lockte das Nachtleben von Palma.

Dieser Abend sollte in die Analen der Segelgeschichten eingehen. Nachdem wir einige Kneipen angetestet hatten, landeten wir auf einem Platz mitten in Palma, wo man herrlich im Freien sitzen konnten. Irgendwann stimmten wir unsere Hitparade der Shantys an und mussten sogar noch eine Zugabe geben, als der Wirt die Stühle auf die Tische stellte.

Angespornt von unserem gesanglichen Erfolg zogen wir weiter in die nächste Karaoke-Bar, wo Gerd seinen großen Auftritt hatte. Palma suchte den Superstar und wurde fündig, denn unser Gerd sang unter frenetischem Beifall das ganze Repertoire, von ABBA bis Frank Sinatra. Herrlich, mein lieber Gerd!

Zwei Tage später stachen wir wieder in See und segelten bei idealen Bedingungen (5-6 Bftvon achtern, 1-1,5 m Welle) nach La Rapita. Der Hafen glänzt nicht gerade durch seine attraktive Ausstattung. Außerdem riß die Liegeplatzgebühr ein ordentliches Loch in die Crewkasse. Aber der angenzende, weite Sandstrand an dem sich bei diesem auflandigen Wind die Wellen brachen, ist mehr als einladend. Wir stürzten uns daher gleich in die Fluten und surften wie Seehunde die Wellen runter.

Weiter ging es immer nach Nordosten entlang der Küste von Mallorca mit einigen herrlichen Stopps in traumhaften Badebuchten. Dann eines Nachts vor Anker bekamen wir zum ersten Mal einen Hinweis darauf, dass sich die Großwetterlage änderte.

Kurz nach Sonnenuntergang sahen wir im Norden ein helles, unregelmäßiges Flackern. Wir dachten zuerst gar nicht an ein Gewitter, sondern an riesige Disco-Scheinwerfer. Aber kurz nach Mitternacht sahen wir die ersten Blitze. Das Gewitter kam näher. Ein Donnern war nach wie vor nicht zu hören, aber über Stunden war der Himmel hell erleuchtet. Es blitzte so häufig, dass die Wolken, wie riesige Laternen aussahen. Ein unglaubliches Schauspiel; so etwas hatte keiner von uns zuvor gesehen. Später erfuhren wir, dass sich das Gewitter im 30 sm entfernten Menorca ausgetobt hatte. Dabei war bei manchem Schiff einiges zu Bruch gegangen.

Cala Ratjada war unser nächster Hafen. Hier ist der Tourist König, vor allem wenn er aus Deutschland kommt. Es ist zwar nicht so extrem, wie im bekannten El Arenal, aber dennoch gilt: Hier hat die Kultur Pause! Stattdessen gibt’s die druckfrische Bildzeitung, Currywust-Pommes, deutsches Bier und die Bundesliga über Premiere.

Der Hafen selbst ist häßlich aber günstig, und man sollte schon am frühen Nachmittag einlaufen, um nicht an fünfter oder sechster Position im Päckchen liegen zu müssen. Unser nicht-kulturelles Abendprogramm brauche ich nicht zu beschreiben - das kann sich jeder denken. Warum Rudi dabei den Vogel abgeschossen hat, solltet Ihr Euch mal in der Pantry anhören ...

 

 

Menorca:

Das nächste Ziel war Cituadella auf Menorca, ein wunderschöner Naturhafen mit einer tief eingeschnittenen Bucht und einer sehr interessanten Altstadt. Ich war schon mehrmals mit dem Schiff dort gewesen, doch so schön der Ort auch ist, ich habe dort immer ein ungutes Gefühl.

Der Grund ist ein meterologisches Phänomen, das man dort Rissaga nennt. Dabei fällt der Hafen binnen Minuten trocken, um kurz danach von einer Flutwelle überspült zu werden. Die Schäden sind jedesmal ernorm.

Aber ich schob meine Bedenken zur Seite und mit zwei gemieteten Autos fuhren wir zur Cala Porte und dort in die berühmte Felsendisco. In einem riesigen Höhlenkomplex an der Steilküste hat man eine Disco mit herrlichen Terrassen eingerichtet.

Das muss man gesehen haben. Gebt mal in Google den Suchbegriff "Cova d´en Xoroi" ein und klickt dann auf Bilder. Atemberaubend, was?!

 

 

Barcelona:

Für weitere Ziele in Menorca fehlte die Zeit, denn wir wollten noch nach Barcelona. Für die ca. 110 sm lange Überfahrt hatten wir bei den angesagten 12-16 kn Wind (4 Bft) aus Ost etwa 24 Stunden veranschlagt. Wir starteten daher kurz nach Mittag  - und waren morgens um 6 Uhr schon in Barcelona.

Die Vorhersage war leicht untertrieben, denn der Wind nahm gegen abend kräftig zu und pendelte sich dann bei 30 kn (7Bft) ein. Dank achterlichem Wind fetzten wir mit einem Affenzahn durch die Nacht und unser Jonas, der zum ersten Mal an einem Törn teilnahm, wuchs über sich hinaus.

Mit den Worten "Ich bleib am Ruder, da kann ich mich wenigstens festhalten." steuerte er die SIMI grandios durch die Wellen und annoncierte regelmäßig einen neuen Highspeed auf der Logge.

Barcelona ist eine fantastische Stadt. Kilometerlange Fußgängerzonen und an jeder Ecke eine Sehenswürdigkeit. Ich aber musste mich gleich zu Anfang als kultureller Kleingeist outen. An einem Kiosk sah ich eine Broschüre "Gaudi bei Nacht".

Prima dachte ich, da steht was drin über das Nachtleben von Barcelona. Glücklicherweise fiel mir kurz vor dem Bezahlen ein, dass es da mal einen berühmten spanischen Architekten namens Antoni Gaudi gab. Heieiei, man sollte sich besser informieren, bevor man den Kulturpfad betritt.

Wir ließen die Broschüre am Kiosk und schauten uns lieber live das berühmteste Werk von Herrn Gaudi an: die Sagrada Familia. Ein gigantischer Sakralbau, an dem seit 1882 gebaut wird und der voraussichtlich in ca. 30 Jahren fertig sein soll.

 

 

Sturmfahrt:

Nach zwei Tagen Kultur und Gaudi (diesmal nicht der Architekt) fiel uns beim morgendlichen Blick auf den Wetterbericht das Lachen aus dem Gesicht. Das Gewitter in Mallorca ließ es bereits erahnen und der heftige Wind auf der Fahrt nach Barcelona sprach auch dafür, dass sich da was zusammenbraut. Und so war es auch - ein Sturmtief klebte zwischen verschiedenen Fronten mitten im Golfe de Lion, bewegte sich kein Stück und wurde stärker.

So etwas "wünscht" sich jeder Skipper, dem auch noch der Termin für die Rückgabe des Schiffs im Nacken steckt. Den direkten, ca. 200 sm langen Weg konnten wir knicken. Der südliche Weg, um das Tief herum, wäre ebenso verrückt und viel zu lang gewesen. Wir konnten nur in Barcelona bleiben oder möglichst dicht unter Land gegenan Richtung Norden knüppeln. Wir entschieden uns für Letzteres.

Wie die Kartographen fuhren wir unter Maschine, mit gerefftem Groß als Stützsegel, die Küste entlang und versuchten so weit wie möglich unter Landabdeckung zu bleiben. Denn wenn wir glaubten, einen Abschnitt abkürzen zu können, stand uns sofort eine heftige Welle gegenan, in der sich das Schiff feststampfte. So ging es Stunde um Stunde und zehrte am Material und an den Nerven.

Der Windmesser zeigte in dieser Zeit fast durchgehend zwischen 30 und 35 kn (7-8 Bft.) aus Nord bis Nordwest. Und als wir einmal in einer Bucht vor Anker lagen, um uns einige Stunden auszuruhen, zeigte die Anzeige kurzzeitig 45 kn (9 Bft.). Die dazugehörige Welle bekamen wir dann beim Auslaufen zu spüren.

Wie von einer Riesenfaust gepackt, stellte sich sie SIMI fast senkrecht auf und kippte über Steuerbord ins Wellental. Und in diesem Moment rief Nerijus "Du, Markus das Steuerrad dreht durch!". Ich glaubte schon das Ruderblatt hätte sich verabschiedet und sah uns aus Spibaum und Bodenbrettern eine Notpinne basteln. Aber Rudi, unser Bordmechaniker gab Entwarnung. Die Steuerkette der einen Ruderanlage hatte sich gelöst.

Hier draußen war das nicht zu reparieren, daher fuhren wir zurück in den Hafen Palamos. Das Anlegemanöver war dabei recht spannend, da nur auf Backbord gesteuert werden konnte und der Gashebel an Steuerbord lag. Aber die Crew war inzwischen gut eingespielt und so klappte das Manöver auf Anhieb. Wir blieben auch über Nacht im Hafen, gönnten uns nach der Reparatur eine ausgiebige Dusche und feierten nochmal anständig in einem nahen Restaurant.

Ab Höhe Narbonne konnten wir endlich einen etwas östlicheren Kurs ansteuern. Der Wind "flaute" auf 20-25 kn (5-6 Bft.) ab, so dass wir auch wieder segeln konnten. Und nachdem sich die Bedingungen über Stunden nicht verschlechterten, trauten wir uns in der Nacht die letzte Strecke abzukürzen und den direkten Kurs nach Toulon zu fahren.

Aber so schnell wollte das Sturmtief nicht aufgeben und am nächsten Mittag zeigte uns der Löwengolf, warum er seinen Namen zurecht trägt. Der Wind legte wieder ordentlich zu, die See änderte ihre Farbe von vereinzeltem auf beinahe durchgängiges Weiß. Der Windmesser zeigte konstant 35-40 kn achterlichen Wind bei einem Speed von 8 kn. Die von achtern anrollenden Wellen waren die höchsten, die ich jemals gesehen habe. Unsere SIMI wurde immer kleiner in diesen Bergen und im Wellental flatterten die Segel durch die Windabdeckung.

Immer wieder wurde das Heck des Schiffes steil angehoben, so dass man fast auf dem Ruder lag, als davor zu stehen. Das Wellental vor uns sah aus wie ein gähnendes Loch. Und dann surfte die SIMI mit einem Wahnsinns-Speed nach unten. Durch die Windabdeckung ging aber wieder soviel Speed aus dem Schiff, dass uns die Welle von achtern ins Heck stieg. Daher ließen wir die Maschine mitlaufen und gaben immer wieder im richtigen Moment Vollgas.

So ging das fast 2 Stunden, dann war der Spuk vorbei. Wir hatten zwar noch die Hoffnung rechtzeitig in Bormes Les Mimosas zu sein, bevor die Kneipen schließen, waren dann aber doch zu spät. Doch eine Chartercrew aus der Schweiz konnte uns aushelfen und mit einigen kräfig gemischten Getränken stießen wir auf das bestandene Abenteuer an.

 

 

Fazit:

Ein phantastischer Törn, bei dem alles dabei war: Blauwassersegeln, Buchten mit türkisfarbenem Wasser, Nervenkitzel bei der Starkwind- bzw. Sturmfahrt, Party an Land und an Deck, und vieles mehr.

Aber das Beste war: die CREW! Sieben Leute waren drei Wochen lang auf einem Schiff und es gab zu keinem Zeitpunkt Stress oder Streit. Die Mannschaft wuchs in dieser Zeit zu einem richtigen Team zusammen, mit dem ich immer wieder segeln würde.

Danke Jungs, Well Done ...

Markus Berwanger Z!Z!

Hinweis zu Google Earth

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